Predigt – 14.12.2025 Mettenschicht am 3. Advent: "Licht in der Dunkelheit"

(Hiob 28, 1–12)

Menschen suchen nach Bodenschätzen. Menschen suchen nach Erkenntnis.
Schon seit uralten Tagen. Wir hören aus dem Buch Hiob[1] im Alten Testament.

Es gibt Stellen, an denen findet man Silber, und einen Ort, an dem man das Gold wäscht.
Eisen wird aus der Erde geholt und Kupfer aus dem Gestein herausgeschmolzen.
Die Dunkelheit kann’s nicht verhindern, der Mensch stößt bis in die letzten Winkel vor –
bis zum verborgenen Gestein in dunkler Tiefe.
Arbeiter aus der Fremde, längst sind sie vergessen, haben Schächte in den Berg geschlagen.
Ohne Halt für die Füße hängen sie an Seilen,
schweben überm Abgrund, fern von den Menschen.
Oben auf der Erde wächst Getreide für das Brot, aber in der Tiefe funkelt es wie Feuer.
In ihrem Felsgestein kann man Lapislazuli finden
und Körner von Gold entdeckt man dort auch.
Kein Raubvogel kennt den Weg dahin, nicht einmal das Auge des Falken hat ihn erspäht.
Die stolzesten Tiere haben ihn nicht betreten, nicht einmal der Löwe schritt auf ihm dahin.
Allein der Mensch legt Hand ans harte Gestein, gräbt sich tief durch die Berge. Er treibt Stollen hinein in den Fels und entdeckt dabei lauter kostbare Schätze.
Wo Wasser eindringt, dämmt er es ein. Wo etwas verborgen ist, bringt er’s ans Licht.
Aber die Weisheit, wo ist sie zu finden? Wo ist der Ort, an dem man Einsicht gewinnt?

Liebe Gemeinde,

dieser Text ist ein Menschheitszeugnis. Diese Worte wurden schon Jahrhunderte vor Christi Geburt geschrieben. Sie bezeugen, dass Menschen schon in diesen Zeiten unter Tage unterwegs waren, um Licht ins Dunkle zu bringen, um kostbare Bodenschätze zu heben. Die Historikerinnen und Historiker unterteilen die frühen Epochen der Menschheitsgeschichte nach Metallen, die der Mensch entdeckte verarbeitete. In der Bronzezeit erblühten die ersten Hochkulturen in Ägypten und Mesopotamien, schon Jahrtausende vor Christus. Ab etwa 1200 v.Chr. begann die Eisenzeit. In dieser Epoche entwickelten sich nach und nach auch im östlichen Mittelmeerraum Kleinstaaten und Königtümer, die Handel trieben und Metalle verarbeiteten. Die Bibel erzählt aus dieser Zeit über die Könige Israels, wie sie wertvolle Metalle verarbeiten ließen, etwa für den Tempel in Jerusalem.

Über einen dieser Könige im 8. Jh. v. Chr. mit Namen Hiskia wird berichtet, dass er im Zuge der Stadtbefestigung einen Tunnel anlegte. Er verband das Stadtinnere mit einer außerhalb der Stadtmauern gelegenen Quelle. Dieser Tunnel war insgesamt 500m lang und wurde von zwei Seiten her durch den Felsen gegraben. Das war für damalige Zeiten eine technische Meisterleistung. Der Tag, als die Bautrupps im Bergesinneren zusammentrafen, ist in einer alten Inschrift dokumentiert: „Und am Tag des Durchbruchs begegneten sich die Arbeiter, Mann gegen Mann, Hacke gegen Hacke, und das Wasser floss von der Quelle zum Teich, 1200 Ellen weit und 100 Ellen war die Dicke des Gesteins über den Köpfen der Arbeiter.“[2]

Was muss das für eine Aufregung, für eine Freude gewesen sein! Die Wasserversorgung der Stadt war gesichert, auch im Belagerungsfall. Aber nicht alles war eitel Sonnenschein damals. Es gab viele Grubenunglücke in den antiken Bergwerken.[3] Bergwerksbesitzer ließen nur selten Bewetterungsstollen zur besseren Belüftung anlegen, weil das kostete. Die ohnehin schon schlechte Luft wurde durch die ständig brennenden Öllampen verpestet. Hohe Luftfeuchtigkeit erschwerte das Arbeiten. Dort unten arbeiteten entweder Sklaven und verurteilte Verbrecher oder freie Bürger, denen der teilweise sehr rentable Sold wichtiger war als die eigene Gesundheit. Teilweise musste davon ja auch eine Familie ernährt werden.

Anders als die furchtbaren Arbeitsbedingungen damals wirkt die Beschreibung der Welt unter Tage aus dem Hiob-Buch auf mich faszinierend. Da entsteht ein Bild vor dem geistigen Auge: wie wagemutige Männer, an Seilen hängend, in die Tiefe vorstoßen. Wie sie Edelsteine finden, hellglänzende Körner von Gold, tiefblau schimmernde Lapislazuli. Es mutet fast märchenhaft an, wie in einem Zwergenbergwerk bei „Herr der Ringe“. Aber dennoch, bei allem Zauber, eines finden sich nicht: Weisheit und Einsicht. Schon damals fragten sich Menschen, wie sie einsichtig werden. Es gibt so vieles, was wir nicht verstehen in unserem Leben. Und viele Entscheidungen fallen schwer – etwa, wie mit den Bodenschätzen weise umgegangen wird. Damals schufteten sich viele Menschen für den Reichtum weniger zu Grunde. Könige bauten prächtige Tempel und Paläste, führten Kriege, und setzten bei falschen Entscheidungen Land und Leute aufs Spiel. Auch hier in unserer Region Freital war der durch den Steinkohlebergbau bedingte Wirtschaftsaufschwung im 19. Jh. nur möglich, weil da Leute ihre Gesundheit und ihr Leben riskierten. Am 2. September 1850, also vor 175 Jahren, kamen bei einer sogenannten Schlagwetterexplosion neun Bergleute ums Leben.[4] Sie fuhren wie jeden Tag ein in den Schacht, ganz traditionell mit der Freiberger Blende, eine damals mit Öl betriebene Grubenlampe. Das Licht reagierte an diesem Tag mit austretenden Grubengasen. Es kam zur großen Explosion. Durch dieselbe Ursache starben 1869 im Segen-Gottes- und Neuhoffnungsschacht bei Burgk 276 Bergleute. Oft fehlt es nicht an Bodenschätzen. Oft fehlt es an Erkenntnis.

Mich bedrücken solche historischen Berichte. Und es schaudert mich, wenn ich daran denke, dass in anderen Teilen dieser Welt unter miesen Bedingungen seltene Erden gefördert werden, damit ich mein Smartphone benutzen kann. Die Suche nach Erkenntnis läuft weiter. Und wir versuchen oft, jeder und jede für sich, mit der jeweils kleinen Funzel an Erkenntnis etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Könnten wir unsere Funzeln nicht zu einer größeren Flamme vereinigen?

Manchmal gibt es auch Kräfte, die vorgeben, die große Erkenntnis herbeizubringen. Aber mit ihrer zerstörerischen Fackel setzen sie alles in Brand, so wie bei einer Schlagwetterexplosion. „Wir haben die Lösung, Grenzen dicht, Ausländer raus. Millionenfach abschieben! Deutschland den Deutschen!“ Und schon sind Feindbilder errichtet. Der Biodeutsche bekommt Angst vor Leuten mit fremdem Aussehen. Menschen mit Migrationsgeschichte und legitimen deutschem Pass bekommen Angst, auf offener Straße diskriminiert oder früher oder später abgeschoben zu werden.

Eine andere Fackel ist verbunden mit Worten wie diesen: „Diese ganzen Langzeitarbeitslosen, diese Sozialschmarotzer, die muss man doch mal gehörig zur Kasse bitten und Sozialausgaben kürzen!“ Und plötzlich denken alle, die im Schweiße ihres Angesichts im Niedriglohnsektor arbeiten, die da unten seien schuld, diese Faulenzer! Dabei gibt es in Deutschland gar nicht so viele renitente Langzeitarbeitslose, die dem Arbeitsmarkt durch eigene Faulenzerei fernbleiben.[5] So wird den Menschen, deren Arbeit kaum zum Leben reicht, keine Alternative geboten. Man konfrontiert sie mit der Behauptung, dass es noch jemand unter ihnen gebe, der Schuld sei. Nach unten treten ist immer leichter. Anstelle von Lösungen wird Sozialneid geschürt, die Fackel hat gezündet.

Wenn Fackeln geworfen werden, um zu spalten, gibt es keine Erleuchtung unter uns. Dann gibt es eine große Explosion und danach Finsternis. In unseren Tagen habe ich Sorge um die Gemeinschaft, um den Zusammenhalt – ein Schatz, nach dem wir immer wieder neu streben sollten.

Es berührt mich, wie heute so viele Menschen hier in der Kirche sind, die ich sonst das Jahr über nicht zu Gesicht bekomme. Die Faszination Bergbau verbindet bis heute. Und es berührt mich Jahr um Jahr, wenn zu Weihnachten ganz viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Zu Weihnachten geht es um einen Schatz. Er funkelt oft ganz unscheinbar, als kleine Kerze in einer schäbigen Futterkrippe. Es ist Jesus, der vor gut 2000 Jahren zur Welt kam.

Jesus sagte: Ich bin das Licht der Welt. Und dieses Licht scheint hell in der Dunkelheit. Jesus hat die Logik und die Weisheiten dieser Welt gehörig auf den Kopf gestellt. Er hat Menschen nicht nach Wirtschaftsleistung, nicht nach der Hautfarbe, nicht nach Kultur und Herkunft beurteilt. Er hat sie als Menschen gesehen, angenommen, ernstgenommen – mit ihren Ecken und Kanten, mit ihren Fehlern und Begabungen. Er ging gezielt zu den Leuten, die keine Lobby haben: zu den Kindern, zu den Außenseitern. Der furchtbaren Gewalt auf dieser Welt ist Jesus mit Liebe begegnet, völlig irrational, völlig unvernünftig, und gerade darin weise.

Gegen Jesus ging man gewaltsam vor. Ein Mob nahm ihn gefangen, mit Fackeln und Lampen in der Nacht. Ihm wurde der Prozess gemacht. Er wurde gefoltert, ans Kreuz genagelt. Er fiel in die Grube, in die Finsternis – allein, sein Licht war nicht erloschen. Bis heute gibt es Menschen, für die sein Licht lebendig bleibt – und die trotz aller Gewalt und Lieblosigkeit in der Welt ihr Leben nach seiner Liebe ausrichten. Das gibt mir Hoffnung.

Lasst uns die zerstörerischen Fackeln aus der Hand nehmen oder uns ihnen entgegenstellen, wenn sie lodern. Lasst uns nicht allein unseren eigenen armseligen Funzeln von Gedanken vertrauen, sondern gemeinsam Lichter anzünden, unsere Gedanken und Gefühle teilen, damit wir erkennen:

Uns gegenseitig
und den Frieden Gottes, der alles übersteigt, was wir erkennen und erfahren.
Und dieser Friede, dieser funkelnde Schatz,
der bewahre und erleuchte unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus.

Amen.


[1] Übersetzung nach der BasisBibel.

[2] Israel Finkelstein, Neil A. Silbermann: David und Salomo, München 2006, S. 122.

[3] Hinsichtlich der Zustände in antiken Bergwerken vgl. Boris M. Rebrik: Geologie und Bergbau in der Antike, Leipzig 1987, S. 125–130.

[4] Vgl. den Artikel zum „Windbergschacht“ auf www.wikipedia.org.

[5] Vgl. die detaillierten Berichte und Statistiken der Bundesagentur für Arbeit, online einsehbar unter statistik-arbeitsagentur.de.

— Pfr. Clemens Schneider, Dezember 2025