Pesterwitz
Predigt – 24.06.2025 Johannistag: "Ein Sommerabend im Freibad"
(Matthäus 3, 1–12)
Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Denn dieser ist’s, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat: »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg und macht eben seine Steige!«
Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig. Da ging zu ihm hinaus Jerusalem und ganz Judäa und das ganze Land am Jordan und ließen sich taufen von ihm im Jordan und bekannten ihre Sünden.
Als er nun viele Pharisäer und Sadduzäer sah zu seiner Taufe kommen, sprach er zu ihnen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße! Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum: Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu tragen; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Er hat die Worfschaufel in seiner Hand und wird die Spreu vom Weizen trennen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer.
Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist und der da war und der da kommt. Amen
Der Wind weht heiß. Leute stehen Schlange, wollen zum Wasser. Es ist Freibadsaison. Endlich raus aus den Mühlen der Schule oder der Arbeit, mal Fünfe gerade sein lassen, ein Eis genießen oder ein kühles Getränk, Füße ins Wasser, die Rutsche runtersausen mit Vollgas, vom Beckenrand reinspringen und ein paar Bahnen ziehen, herrlich! Der Geruch von Sonnencreme lässt das Gefühl von Urlaub im Kopf entstehen. Frittierölduft weht durch die Luft und macht Lust auf knusprige Pommes. Ich genieße den Sommer in vollen Zügen. Die Sorgen und Verwaltungsaufgaben können für einen Moment über den Jordan gehen…
Plötzlich betritt jemand das Gelände, der zieht die Blicke auf sich. Er sieht total abgeranzt aus, fast schon asozial mit seinem komischen Pelzumhang. Dringend zum Friseur müsste er mal und er riecht streng. Was stopft er sich denn da in seinen Mund – igitt, das sind ja Insekten und Heuschrecken!!! Ist das vielleicht so ein neuer Ernährungstrend aus Fernost?!? Ich weiß ja nicht…
Dann ruft er plötzlich: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei-gekommen!
Ich weiß gar nicht so richtig, was der will. Ich fühle mich doch schon so ein bisschen wie im Himmelreich mit meinem Eis in der Hand, mit den Beinen im Wasser baumelnd. Und überhaupt, so geschwollene Worte: Tut Buße! Wir sind doch nicht im Mittelalter. Soll ich mich jetzt noch selbst geißeln?!?
Jetzt springt mein innerer Revoluzzer an und ich rufe ihm zu: „Was soll das denn heißen: Tut Buße? Für was denn?“
Da dreht er sich um, ein wildes Funkeln tanzt in seinen Augen, aber seine Mundwinkel tragen ein seltsames Lächeln in sich. „Ändert die Richtung, und zwar radikal! So wie bisher kann es nicht weitergehen!“
Ist das vielleicht einer von diesen linksautonomen Globalisierungskritikern? Oder ein radikaler Ökoaktivist von Last Generation, der diesmal keine Bilder in der Gemäldegalerie beschmiert, sondern sich die örtlichen Schwimmbäder vornimmt und den Leuten auf die Pelle rückt? Es könnte auch ein religiöser Fanatiker sein, der mir jetzt etwas von Bibel und Weltuntergang erzählen will. Da habe ich ja gerade überhaupt keinen Bock drauf so am Feierabend. Vielleicht ist er auch einfach nicht ganz klar im Kopf. Aber wenigstens kein Nazi…
Im Kreisen der Gedanken merke ich, wie sich in meinem Kopf Schubladen auf- und zuziehen, wie ich versuche, den Mann in meine Denkmuster und Kategorien einzuordnen. Ist das nicht eigentlich totaler Quatsch? Ich kenne ihn doch noch nicht einmal… Also frage ich: „Bevor du mir erklärst, was sich angeblich alles ändern soll, wie heißt du denn? Ich bin Clemens Schneider, Pfarrer nebenan in Pesterwitz, heute inkognito in Badehose.“ Er stutzt und gibt zur Antwort: Ich heiße Johannes, Johannes der Täufer. Ich denke so vor mich hin: „Ja klar und ich bin der Kaiser von China. Und was ihn angeht – Johannes der Säufer würde auch passen, so wie der aussieht.“ Und schon wieder gehen die Schubladen im Kopf auf und zu.
Er sieht mich durchdringend an mit so einem Röntgenblick, als könne er meine Gedanken lesen, irgendwie creepy. Dann zischt er leise: „Ihr Kirchenleute, Otterngezücht, denkt wohl, nur weil ihr von Abraham abstammt und das Kreuz von Jesus an eure Gebäude hängt, seid ihr was Besseres. Ihr braucht gar nicht den Zeigefinger zu heben und andere zur Umkehr zu bewegen, kümmert euch um eure eigenen Verbrechen!“
Ich zucke innerlich zusammen. So hatte ich mir den Schwimmbadbesuch irgendwie nicht vorgestellt. Und kirchlicher Missbrauch ist auch nicht gerade das fluffige Thema zum Sommerabend. Der seltsame Mann mir gegenüber hebt wieder an: „An den Früchten werdet ihr sie erkennen! So wurde es euch gesagt! Und wo sind die Früchte?“
Er meint bestimmt nicht die Erträge der Pesterwitzer Obst- und Weinernte, denke ich mal. Nein, er meint die Früchte des Glaubens: unsere Taten. Jetzt fühle ich mich dann doch irgendwie in der Verteidigerposition. „Aber Johannes, ich hebe doch gar nicht ständig den Zeigefinger! Ich weiß ja auch, dass wir Menschen hin und wieder unsere Richtung überdenken müssen, politische Entscheidungen zu Klima, Wirtschaft, Frieden… Vieles sieht gerade sehr schlimm aus in dieser Welt, das weiß ich aus den Nachrichten. Und auch vor unserer eigenen Haustür ist bestimmt nicht alles perfekt. Aber wir als Kirche bemühen uns ja auch darum, dass sich Menschen begegnen. Was den Missbrauch angeht: wir bemühen uns um Aufklärung und um Schutzkonzepte, damit Kirche ein Schutzraum ist und bleibt. Aber lass mir doch wenigstens heute Abend meinen Frieden! Ich brauche gerade eine Richtungsänderung, und zwar raus aus der Tretmühle, rein ins Tretboot, in die Erholung meine ich… Irgendwann dreht man doch sonst durch. Entschleunigung nennt man das heute.“
Johannes wirkt plötzlich sehr nachdenklich. Vielleicht bin ich heute der erste Mensch, der ein persönliches Gespräch mit ihm führt. Er meint: „Entschleunigung. Dafür sind die Leute auch damals zu mir gekommen, in die Wüste am Jordan, um rauszukommen, um sich selbst zu hinterfragen. Ich glaube, heute habe ich ausgedient. Heute wird so viel hinterfragt, die Leute wissen schon gar nicht mehr, wem oder was sie glauben können. Auf jedem Sender Schreckensmeldungen. Und dann komme auch noch ich… Die Leute brauchen nicht mich, die brauchen Hoffnung.“
Ich schaue ihn an und habe das Gefühl, dass dieser Johannes gerade selbst Hoffnung nötig hat. Da fällt mir etwas ein und ich sage aufmunternd: „Weißt du eigentlich, dass wir demnächst deinen Geburtstag feiern? Wir feiern ihn exakt ein halbes Jahr vor Weihnachten.“ Johannes lächelt müde. „Ja, meine Mutter war etwas eher schwanger als Maria, die Mutter von Jesus. Ein halbes Jahr Abstand kommt vielleicht hin. Auf ihn kommt es jetzt an.“ Ich schaue fragend. „Wen meinst du?“ „Ich meine Jesus natürlich – dem Mann, dessen Weg ich bereitet habe. Jesus hat meine Taufe übernommen, aber seine Leute haben etwas ganz anderes daraus gemacht.“
Neben uns springen gerade Schulkinder vom Startblock ins tiefe Wasser und tauchen unter die Wasseroberfläche. Nach der Hälfte der Bahn tauchen sie wieder auf und schütteln die Haare. Wassertropfen fliegen umher und glitzern in der Sonne. „Ich habe die Leute in den Jordan getaucht, damit sie ihr Leben ändern. Nach Jesus werden Leute getauft, weil Jesus in die Fluten des Todes gestürzt ist – aber Gottes Liebe stärker war, weil Gott uns alle verwandeln wird, unabhängig von unseren Leistungen.“
Ich sage: „Hoffnung ist wertvoll. Ich erlebe Momente der Hoffnung, hier, vor unserer Haustür mitten unter uns. So viele tolle Begegnungen liegen hinter uns, Karfreitag und Ostern, Konfirmation, Jubelkonfirmation, gemeinsame Gottesdienste mit anderen Gemeinden zu Himmelfahrt und Pfingsten, Gemeindefest mit den verschiedenen Generationen… Solch großartige Musik immer wieder und ein Engagement im Hintergrund, uneigennützig und liebevoll, genial! Für mich sind diese Momente ein Geschenk Gottes. Da wird Jesu Liebe lebendig. Aber es gibt auch die Momente, da weiß ich nicht weiter: was kann ich allein denn ausrichten, was kann ich konkret tun?
Johannes erwidert: „Wir müssen in Beziehung gehen – zu Gott und zu unseren Mitmenschen.“ Ich frage ihn: „Was ist mit denen, die nicht in Beziehung gehen wollen?“ Er sagt: Gott allein weiß, was mit denen ist. Mir persönlich können sie nur leidtun.
Ich denke nach. Dann bringe ich meine Gedanken über die Lippen: „Sind das immer nur die anderen? Vielleicht bin ich selbst nicht immer bereit dazu, in Beziehung zu gehen?“ Jetzt strahlt Johannes übers ganze Gesicht und sagt: „Siehst du, so fängt die Richtungsänderung an!“
Und der Friede Gottes, der alles übersteigt, was wir erkennen und erfahren,
der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen