Predigt – 29.05.2025 Himmelfahrt: "Nicht zu fassen"

(1. Könige 8,22–24.26–28)

Und Salomo trat vor den Altar des Herrn angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel und sprach: Herr, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen; der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage.
[…]
Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast. Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.

Es ist nicht zu fassen! Nein, Gott ist nicht zu fassen!

Gott zeigt sich immer nur kurz, lässt eine Ahnung aufkommen, dass da mehr ist als das Augenscheinliche, viel mehr. Aber kaum bemühen sich Menschen, Gott in ein klares Bild zu bringen oder in eine goldene Skulptur zu gießen, da entzieht sich Gott wieder. Da tanzen alle um das goldene Kalb, klopfen sich selbst auf die Schulter. Gott lächelt nur müde von ferne. Gott lässt sich nicht einengen oder instrumentalisieren. Gott, der große König und Kämpfer für sein Volk, die barmherzige Mutter, Fels und Burg für alle, die auf Gott vertrauen – Gott sperrt sich gegen vorschnelle Kategorisierungen, Gott ist nicht einfach Mann, er ist nicht einfach Frau, er ist höher als alle Vernunft. Alle unsere Vorstellungen können nur auf Gott verweisen, aber Gott nicht festlegen. Gott zeigt sich und versteckt sich gleichermaßen. Wenn wir das ganze Kirchenjahr als Versteckspiel begreifen, dann haben wir alle keine Chance. Immer, wenn wir meinen, es begriffen zu haben, immer, wenn wir „Gott, hinter dem Baum, angebrannt!“ rufen wollen, da entschwindet Gott wieder.

Selbst, als sich Gott in einem Menschen zeigt, ist es nicht zu fassen! Erst versteckt sich der Messias, der Gesalbte, im Bauch einer gewöhnlichen jungen Frau. Und nach der Geburt braucht es schon himmlische Heerscharen, um neben Ochs und Esel, in dem Windelpaket auf Heu und Stroh das Außergewöhnliche zu erblicken. Die Hirten werden herangeführt und haben die Beobachtungsgabe. Aber sie können nicht lange bleiben. Auch Fremde aus fernen Landen können einen flüchtigen Blick erhaschen. Denn nicht viele schauen wie sie den besonderen Stern, der in dieser Nacht das Versteck der Familie beleuchtet. Maria und Josef spielen mit im göttlichen Versteckspiel. Aus Obdachlosen werden Flüchtlinge, die sich vor Todesgefahr nach Ägypten flüchten müssen, so wie damals die Israeliten. Aber so wie damals ist auch Gott mitten unter ihnen.

Als Erwachsener zieht Jesus durch die Gegend, wird bekannt und berühmt. Da leuchtet etwas auf vom göttlichen Glanz, bei all den Begegnungen und dem Wunderbaren um ihn herum. Da wollen sie ihn ergreifen, die Mächtigen, die nichts dem Zufall überlassen. Da wird er ergriffen, in der Nacht, ausgeliefert, gefoltert und festgenagelt. Vorbei das Versteckspiel. „Angeblicher Messias Gottes – angebrannt!“ Aber die Wege Gottes laufen viel verschlungener, als es sich die Mächtigen überhaupt vorstellen können. Sie wollten einen Spielsieg nach ihren Regeln. Aber Gott spielt Verstecken – nach Gottes Regeln – und bewegt die Figuren. Da ist viel Bewegung in der Geschichte, wir beten es jede Woche: hinabgestiegen, auferstanden, aufgefahren! Jetzt haben wir ihn, da muss er doch sein! Auch ein Gesalbter Gottes braucht doch eine Pause. Jetzt sitzt er – sitzt zur Rechten Gottes. Im Himmel. Jetzt möchten wir in den Himmel schauen und rufen: Angebrannt! Aber der weise König Salomo hat das Versteckspiel begriffen. Er betet zu Gott: Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen. Es ist einfach nicht zu fassen. Gott ist nicht zu fassen.

Salomo lässt einen Tempel bauen, den ersten Tempel seines Volkes Israel in Jerusalem. Es ist nicht der größte Tempel seiner Zeit, schließlich ist Jerusalem ein Provinzort fernab der Metropolen in Ägypten oder Mesopotamien. Aber es ist ein schöner Tempel. Salomo hat ihn sich eine Menge kosten lassen. Holz aus den Zedern des Libanon lässt er herbeibringen. Die Innenräume werden vergoldet und kostbare Bronzeskulpturen gefertigt. Aber Salomo erkennt, dass selbst das teuerste und edelste Haus der Welt Gott nicht fassen kann. Der reiche und mächtige König Salomo kann Gott nicht einmauern.

Im Versteckspiel Gottes gibt es keinen Standortvorteil. Die Reichen, Mächtigen und Schönen bleiben ratlos zurück. Das ist der politische Aspekt von Himmelfahrt. Nach dem Wettbewerbsprinzip Höher – Schneller – Weiter kommen wir Gott nicht näher.

Liebe Gemeinde, Glaube ist ein Kooperationsspiel. Wir werden Gott niemals festlegen können. Aber um Gott nahe zu kommen, ist es niemals verkehrt, gemeinsam auf dem Weg zu sein. Denn wenn ich meine Perspektive mit den Perspektiven anderer Menschen abgleiche, kann ich meine eigene beschränkte Sichtweise erweitern. Wenn ich mit anderen Menschen gemeinsam bete, wird mir bewusst, dass wir alle auf der Suche sind. Und diese Suche dauert an – lebenslang.

Es hat einen guten Sinn, dass Himmelfahrt – wenn möglich – im Freien gefeiert wird. Gott ist in uns, Gott ist die Weite um uns herum. Keine Grabeshöhle kann Gott gefangen halten. Keine noch so schöne Kirche und nicht einmal der Himmel können Gott in Gänze erfassen oder abbilden. Himmelfahrt erinnert alljährlich daran. Aber Gott verspricht uns ja auch: Wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, werde ich mich finden lassen. Hat das Versteckspiel doch irgendwann ein Ende?

Für mich gibt es im Leben manche Fügungen, die sind so schön und wunderbar, die bleiben noch lange im Herzen. Sehr wichtige Menschen in meinem Leben habe ich ganz zufällig kennengelernt, oder aus der Sicht des Glaubens formuliert: wir wurden zusammengeführt. Und wenn ich dann auf den einen oder anderen Moment zurückblicke, dann weiß ich: da hatte Gott ganz versteckt seine Finger im Spiel. Da blitzt etwas auf von Gottes Gegenwart, ohne dass ich seiner oder ihrer habhaft werden könnte.

Aber wer weiß, vielleicht kommt ja der Moment, dass wir alle Gott gegenüberstehen und das große Versteckspiel ein Ende hat. Dann werden wir erkennen, wie wir erkannt sind. Gott selbst wird uns dann zusprechen von Angesicht zu Angesicht wie ein alter Freund: „Da bist du ja. Ich habe auf dich gewartet.“

Und der Friede Gottes, der viel größer ist als jeder Tempel und jede Kirche dieser Welt, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

— Pfr. Clemens Schneider, Mai 2025